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Ratsantrag
14.01.2010
„Ausstieg aus der Kohleverstromung in Hamm"
Der Rat möge beschließen:
Begründung
1. Klimaschutz ist unsere Zukunftsaufgabe
40 Prozent weniger CO2 bis 2020, das ist das von der Bundesregierung gesetzte Ziel. Städte und Gemeinden müssen Vorreiter sein, wenn dieses Ziel erreicht werden soll. Münster hat sich in der Vergangenheit bereits kräftig angestrengt und einige Erfolge errungen:
Die Bilanz des Klimaschutzes in Münster ist positiv. Nach bisherigen Berechnungen der Verwaltung sank das CO2-Aufkommen bis 2006 um 21 Prozent (gegenüber 1990). Andere Berechnungen, die in den 2. Klimaschutzbericht der Stadt Eingang gefunden haben, sehen dagegen nur noch einen Rückgang von ca. 6 Prozent. Münster muss sich also noch einmal kräftig ins Zeug legen, wenn das Ziel, 40 Prozent bis 2020 einzusparen, erreicht werden soll. Der Vergleich mit den bisherigen Maßnahmen und ihren Ergebnissen zeigt, welche neue Dimension vor uns liegt. Die Stadt muss das gesamte kommunale Handlungsspektrum nutzen und die Bürgerschaft noch mehr als bisher zum mitmachen bewegen. Schwerpunkte für den Klimaschutz der nächsten Jahre sind neben der Reduzierung des Kfz-Verkehrs und der Förderung der Energieeinsparung im Gebäudebereich die Umstellung der Energieerzeugung in der Stadt auf KWK und auf Erneuerbare Energien.
2. Die Stadtwerke als Motor des kommunalen Klimaschutzes
Seit Mitte der 1990er Jahre, als sie von der damaligen rot-grünen Ratsmehrheit verpflichtet wurden, den Ressourcenschutz als Unternehmensziel aufzunehmen, ist Klimaschutz auch für die Stadtwerke Münster ein Thema. Heute produziert eine hocheffiziente GuD-Anlage genug Strom, um nahezu die Hälfte des in Münster verbrauchten Stroms zu liefern - und das bei deutlich minimiertem Brennstoffeinsatz gegenüber dem alten kohlebefeuerten Kraftwerk. Die Fernwärmeversorgung stellt ein wichtiges Element des kommunalen Klimaschutzes dar. Mehr als 12.000 Haushalte sind über ca. 94 km Fernwärmeleitung angeschlossen. Sie haben im Jahr 2006 558.000 MW/h Fernwärme abgenommen und damit zum hohen Auslastungsgrad der GuD-Anlage beigetragen. Von daher ist es nur konsequent, dass die Stadtwerke jetzt auch die Wärmeversorgung der Gebäude der Stadt Münster übernehmen. Hier sind auch Investitionen in Solar- bzw. Photovoltaik-Anlagen (PV-Anlagen) zu forcieren. Insgesamt ergibt sich damit die Chance, den Energieeinsatz zu optimieren und das Fernwärmesystem in Münster noch effizienter zu nutzen.
Neben der Fernwärme gibt es auch ein wachsendes Netz von Nahwärmeinseln, die von den Stadtwerken vornehmlich in den äußeren Stadtteilen betrieben werden. Ein Dutzend Blockheizkraftwerke haben die Stadtwerke mittlerweile in unterschiedlicher Größe installiert und erzeugen damit dezentral Fernwärme und Strom. Zusammen mit weiteren BHKW privater Betreiber wird auf diesem Wege eine Leistung von 28 MW vorgehalten - ebenfalls Energieerzeugung mit einem Wirkungsgrad von deutlich über 80 Prozent.
Noch untergeordnet ist demgegenüber die Nutzung Regenerativer Energien. Eine Wasserkraftanlage an der Werse erzeugt seit 1988 jährlich rund 240.000 kWh. Eine PV-Anlage auf dem Verwaltungsgebäude der Stadtwerke und zehn Anlagen auf Schuldächern liefern Solarstrom. Eine Windenergieanlage mit einer Leistung von 600 kW in Häger liefert bis zu 900.000 kWh. Und schließlich werden die Bioabfälle, die von den Münsteraner Abfallwirtschaftsbetrieben auf der Zentraldeponie angeliefert werden, in einer Bioabfallvergärungsanlage umgewandelt, und das dabei entstehende Biogas wird in einem BHKW energetisch genutzt.
Versuche, auch Biogas aus Abfällen der landwirtschaftlichen Produktion zu nutzen, sind noch Zukunftsmusik. Projekte für große PV-Anlagen, zum Beispiel auf dem Südhang der ehemaligen Zentraldeponie in Coerde, kommen bislang über technische Konzepte nicht hinaus.
Auch die „Stadtwerke Münster Neue Energien GmbH" sind hier auf dem richtigen Weg, haben aber bisher nur einige wenige Beteiligungsprojekte realisiert, so die zusammen mit der städtischen Wohnungsgesellschaft W + S gebaute PV-Anlage in der Wohnsiedlung „Nieland" und die PV-Anlage auf dem Busdepot der Stadtwerke. Die Anlagen werden durch Ökostromerlöse der Stadtwerke und durch Anteile privater Partner finanziert. Ein gutes Projekt, aber noch kein Durchbruch.
Es wird Zeit, dass die Stadtwerke Münster sich hier stärker engagieren. Ziel muss es sein, die Stromproduktion in Münster auf KWK-Technik und auf Erneuerbare Energien umzustellen und so auszubauen, dass Strom aus Kohle und Atom so schnell wie möglich verdrängt werden kann. Ziel ist es, den Bedarf aller KundInnen der Stadtwerke bis zum Jahr 2025 zu 100 Prozent mit Strom aus KWK und aus Regenerativen Energien decken zu können. Die Stadtwerke müssen ihrer Vorbildfunktion für aktiven Klimaschutz stärker gerecht werden und die BürgerInnen stärker als bisher motivieren, hierbei mitzumachen.
3. Kohle hat als Energielieferant ausgedient
Das im Jahr 2008 beschlossene Engagement der Stadtwerke in den Bau eines neuen Steinkohlekraftwerkes der RWE AG in Hamm stellt diese Argumentation auf den Kopf. Das GEKKO genannte neue Großkraftwerk ist für die Stadtwerke energie- und umweltpolitisch kontraproduktiv:
Auch für die Energieversorgung in Münster ist das Projekt in Hamm ohne Bedeutung:
Alle Argumente, das Engagement in Hamm diene der Versorgungssicherheit, der Diversifizierung und der Preisstabilität, sind überholt. Auch die größere Unabhängigkeit vom Erdgas und Öl spricht nicht für die Kohle. Steinkohle für Kraftwerke kommt von Übersee und nicht (mehr) aus Deutschland. Dass australische oder kanadische Steinkohle prinzipiell preiswerter und sicherer sein soll als norwegisches Erdöl oder russisches Erdgas ist weltmarktpolitisch ein sich schnell einholendes Argument.
Was übrig bleibt, ist daher allein die Rendite, die das Engagement in Hamm abwerfen soll. Es geht um „Kohle", aber nicht um Energie!
Wer diese Strategie gutheißt, der muss allerdings akzeptieren, dass alle Anstrengungen der Stadt CO2 zu sparen, zunichte gemacht werden. Münster hat als Klimahauptstadt ausgedient, wenn die Stadtwerke ihre Beteiligung am Kohlekraftwerk realisieren!
Die These von der Grundlast, die durch Kohle- und Atomstrom sichergestellt werden müsse, ist durch den schnellen Zubau von GuD-Anlagen und das rasante Wachstum der Erneuerbaren Energien vom Tisch. In Münster gilt sie seit dem Bau der GuD-Anlage schon nicht mehr. Eine dritte Gasturbine könnte bereits jetzt in der GuD-Anlage sinnvoll eingesetzt werden und die eigene Stromerzeugung weiter steigern.
4. 100 Prozent Strom aus Kraft-Wärme-Koppelung und aus Erneuerbaren Energien bis 2025 - Versorgungssicherheit für die KundInnen
Der Verzicht auf die Beteiligung der Stadtwerke an dem „GEKKO" genannten Kohlekraftwerk der RWE-Power in Hamm setzt Mittel frei, um die dezentrale Versorgung in Münster auszubauen und die Stromversorgung der KundInnen der Stadtwerke krisensicher zu machen. Im Vordergrund stehen dabei folgende Maßnahmen:
Zu den Aufgaben des Klimaschutzprogramms der Stadtwerke gehört auch die Zusammenarbeit mit der Stadt und der Universität Münster, um beispielsweise ein Solarkataster für Münster zu erstellen, aus dem man entnehmen kann, wie gut sich bestimmte Dachflächen für die Installation von Solaranlagen eignen.
Diese Maßnahmen stärken den Klimaschutz vor Ort, fördern die Nutzung heimischer Energien, verringern die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Übersee und vergrößern die Versorgungssicherheit für die KundInnen der Stadtwerke und für die Stadt Münster.
5. Stabile Strompreise durch KWK und durch Erneuerbare Energien
Kohlestrom wird teuer. „Teure Kohle" titelt die SZ am 19.12. 2008 und verweist auf die Folgen, die vor allem der Handel mit CO2-Zertifikaten mit sich bringt. Die EU-Kommission verlangt, dass die Zertifikate für CO2-Emissionen ab 2012 nicht mehr kostenlos an die Emittenten abgegeben, sondern versteigert werden. Der Preis der Zertifikate, der schon heute bei 25 €/t liegt, wird steigen und die Produktionskosten in CO2-intensiven Industriezweigen (Metallindustrie, Chemie usw.) und bei der Energieerzeugung mit Braun- und Steinkohle verteuern. Der bislang zu konstatierende Preisvorteil des Stroms aus Braun- und Steinkohle wird damit schnell wegfallen und der Druck auf Energieerzeuger, effizientere Produktionsverfahren anzuwenden, wird größer werden.
6. Klimaschutz und Arbeitsplätze für Münster
Wie stark sich Investitionen in Klimaschutz auf den EU-weiten Arbeitsmarkt auswirken, beschreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer Studie wie folgt: „Egal, ob die Staatengemeinschaft kraftvoll den Klimaschutz anpackt oder nicht - das Geschäft mit dem Umweltschutz wird bis 2020 deutlich stärker wachsen als der Rest der Wirtschaft" („Grüne Milliarden" in: SZ v. 28.04. 2009). Eine Beurteilung, die auch für Münster ihre Berechtigung hat. Untersuchungen der städtischen Förderung der energetischen Altbausanierung kamen beispielsweise zu folgenden Ergebnissen:
Klimaschutz dient deshalb auch der Wirtschaft und den Arbeitsplätzen. Das gilt national, wo - wie die SZ schreibt, „inzwischen fast 2 Mio. Menschen ihr Geld in Öko-Branchen verdienen" („Umweltschutz schafft Jobs wie nie zuvor" in. SZ v. 16.01. 2009) - und auch lokal. Eine Investition der Stadtwerke von mehr als 40 Mio. € in Erneuerbare Energien, in den Ausbau der KWK und für mehr Energieeffizienz bei den KundInnen wäre ein deutliches Plus für Wirtschaft, Handwerk und Dienstleistungsgewerbe in der Stadt und in der Region.
Das Klimaschutzprogramm der Stadtwerke richtet sich deshalb direkt an die heimische Wirtschaft. Um die Anreizwirkung für Unternehmen zu erhöhen, sollen einzelne Betriebe gezielt angesprochen und über Möglichkeiten des betrieblichen Klimaschutzes informiert werden. Zur Unterstützung engagierter Betriebe können auch Fördermittel für beispielhafte Maßnahmen eingesetzt werden. Ziel ist es, ein Klimabündnis der Münsteraner Wirtschaft ins Leben zu rufen.
7. Stärkung des Unternehmens und Sicherung der Energieversorgung
Die vollständige Umstellung der lokalen Stromproduktion auf KWK und auf Erneuerbare Energien bedeutet auch größere Unabhängigkeit der Stadtwerke von Vorlieferanten, also den Monopolunternehmen, die überregionale Netze betreiben und mit Spannung versorgen. Die Energieproduktion der Stadtwerke soll ausreichen, um den KundInnen ab 2025 nur Strom anzubieten, der in eigenen Anlagen erzeugt worden ist. Für KundInnen wäre dies erheblich sicherer als die Abhängigkeit von den Hochspannungsnetzen. Wer's nicht glaubt, erinnere sich bitte an „Kyrill" und die Folgen für viele Tausend Menschen in Westfalen. Die Masten der Überlandleitungen brachen zusammen, und es war tagelang "zappenduster" im Versorgungsgebiet der RWE!
8. Neue Arbeitsplätze bei den Stadtwerken
Schließlich soll die Klimaschutzinitiative dazu beitragen, Arbeitsplätze im Unternehmen Stadtwerke zu sichern und neue zu schaffen. Zum Beispiel:
Das Engagement und die Kreativität von Geschäftsführung und Beschäftigten wird sicher dazu beitragen, dass die Stadtwerke Münster weitere Geschäftsfelder im Klimaschutz erschließen und ihren KundInnen zusätzliche - ökologisch wie ökonomisch interessante - Angebote machen werden; mehr jedenfalls als das Engagement in Hamm jemals bewirken könnte.
9. Die BürgerInnen mitnehmen
Die Energiewende kann nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, BügerInnen einzubeziehen. Neben den ökologischen und wirtschaftlichen Aspekten des Klimaschutzes spielen deshalb auch soziale Kriterien eine wichtige Rolle. Zum einen müssen Energieeinsparung und die Nutzung regenerativer Energien als gesellschaftliche Anliegen in die Bürgerschaft getragen und individuell vermittelt werden. Das ist eine Herausforderung, der sich vor allem die Stadtwerke stellen müssen.
Zugleich muss es auch für arme Haushalte möglich sein, sich an Energiesparen und der Nutzung regenerativer Energien zu beteiligen. Hier bieten sich den Stadtwerken und der Stadt die Aufgaben, einerseits die Versorgung armer Haushalte mit einem Energiegrundbedarf zu sichern und sie andererseits beim Energiesparen zu unterstützen.
gez. Klas
und Fraktion
gez. Heuer
und Fraktion
gez. Köhn
und Fraktion
gez. Kersting
und Gruppe
gez. Langenfeld
PDF-Datei: Ausstieg aus der Kohleverstromung in Hamm
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